VERÖFFENTLICHUNG EINS Installation zusammen mit einem Häftling der Jugendvollzugsanstalt Neustrelitz
Montag 6:00 Lebendkontrolle 6:18 aufgestanden ca. drei Minuten habe ich gebraucht zum Anziehen, bin dann auf Toilette gegangen und habe angefangen Fernsehen zu gucken 6:43 ich hab Wasser für Tee aufgesetzt, danach Tee trinken und Fernsehen gucken 7:04 ich mach mich arbeitsfertig 7:15 ich gehe los ca. zwei Minuten brauche ich bis in die Küche, ich begrüße die Leute in der Küche 7:20 ziehe mich um ca. zehn Minuten gammle ich im Pausenraum oder länger ca. 7:45 wir gehen beim Hintereingang eine rauchen ca. 8:00 Arbeitsbesprechung, ich soll Käsestangen machen, trinke dazu Kaffee im Pausenraum ca. zehn Minuten später: fang an Blätterteig auszurollen, Käse zu raspeln und Eigelb zu quirlen, mache Bleche fertig ca. 9:00 Frühstück, probiere Lasagne, die ein Mitgefangener warm gemacht hat, trinke Kaffee ca. 9:45 wir gehen raus eine rauchen 9:50 mache weiter mit Käsestangen 11:00 Mittagessen, Gurkensalat und Apfel ca. 11:20 bis 11:45 chillen im Pausenraum 11:45 gehe raus eine rauchen 11:50 mache weiter mit Käsestangen 12:55 ziehe mich um für Gesprächsgruppe 13:00 gehe auf Toilette nach ca. vier Minuten gehe ich mit Frau zur Tierzucht und hole die anderen Teilnehmer ab und besuche die Pferde ca. 13:10 gehen wieder zurück zur Mensa, in der Gesprächsgruppe erzählen wir ca. eine Stunde über Scientology und lesen uns Material durch ca. 14:10 gehen eine rauchen, erzählen weiter über den gleichen Scheiß ca. 15:00 gehen eine rauchen und danach ins Haus, ich werde durchsucht ca. 15:05 leg mich aufs Bett, mach Musik an, "Blokkmonsta", und gucke Fernsehen ohne Ton ca. 15:40 setz mich an ans Klavier und spiele "Rondo alla turca" ca. 16:00 habe keinen Bock mehr, geh zu S., trink 'nen Kaffee, rauche Zigarette ca. 16:30 Freistunde, gehe raus, trinke Kaffee, rauch drei Kippen und laber mit Kollegen 17:30 ca. 18:00 Abendbrot, hab aber keinen Hunger, mach mir Cappuccino fertig ca. 18:10 übe am Klavier ca. eine halbe Stunde 18:40 geh runter in den Sportraum 19:40 rauche eine und geh duschen 20:00 Einschluss, guck Fernsehen, "Gute Zeiten Schlechte Zeiten", "Big Brother", "MTV Urban", rauch zwei Kippen 23:00 Fernseher geht aus, gehe auf Toilette, putze Zähne, ziehe mich aus ca. 23:20 geh pennen
Doreen Uhlig und M.B. haben sich 2007 in der Jugendvollzugsanstalt Neustrelitz bei einem Klavierkonzert kennengelernt und arbeiten seit 2008 zusammen an einer Serie von VERÖFFENTLICHUNGEN.
Für die VERÖFFENTLICHUNG EINS platzierten sie in einer katholischen Kirche das Klavier des Häftlings im maßstabgetreuen Grundriss seiner Zelle. Zwei Monate lang gab das elektronische Instrument ununterbrochen eine Aufnahme des „Rondo alla Turca“ von Mozart wieder, das von M.B. im Gefängnis eingespielt wurde.
Zur Ausstellung gehört außerdem ein Notat: ein exemplarischer Tagesablauf des Häftlings, der der Installation einen Bezugsrahmen bietet.
[...] Als ich gestern in dieser Kirche war und den Aufbau gehört und gesehen habe, die Geschichte im Kopf habend, in dieser einsamen Kirche stehend und diese spezielle Art und Weise, wie man sich in einer solchen bewegt, registrierend, die Beiläufigkeit der Installation wahrnehmend, das war irgendwie stark. Als ich da so zuhörte und die Musikspirale immer wieder neu anfing, da war es so, wie ein Gedanke, der einem im Kopf herumschwirrt. Du kannst das bestimmt, wenn man sich so festbeißt auf irgendwas. Das geht dann nicht mehr weg. Man denkt den gleichen Gedanken immer wieder und wieder, so als wäre er überwunden, wenn er dann einmal perfekt formuliert ist. Das passiert ja immer dann wenn man niemanden zum Reden hat oder denkt, keiner würde es verstehen. Das erinnert mich natürlich an Deine Besessenheit mit M. B. arbeiten zu wollen, aber auch an seinen Zustand der Isolation. Das ist so wahnsinnig, dabei vertraut. Vielleicht ist es das eigene Spreizen das mich da so sehr berührt. Der ewige Versuch. Irgendwann weiß man nicht mehr wo vorne ist und hinten. Die Aufnahme klingt übersteuert und das ist gut, denn es ist wie ein dritter Ton der über alles greift, der einen machtlos macht. Das Will und Kann.
Viele Grüße und Bitte um Übermittlung der Glückwünsche
Mirko Winkel
[...] Dieser Gefangene, er ist wirklich hier in St. Heinrich. Er sitzt dort in seiner Zelle am Klavier und übt und wer hierher in diese Kirche kommt, kann es hören. Das hat etwas Beunruhigendes, etwas Unangenehmes sogar. Ich bin es nicht gewohnt, dass mir ein Häftling so nahe kommt. Mit all dem, was er dort jetzt hat, seine Zelle, sein Klavier, Tag für Tag.
Und zugleich: was ist das eigentlich für ein Geschenk, das dieser Gefangene mir macht? Dass er auf mich zugeht, bevor ich überhaupt auf den Gedanken gekommen wäre, zu ihm zu gehen. Dass er sich sozusagen mit mir solidarisch erklärt, bevor ich es mit ihm getan habe. Es ist das Geschenk einer Solidarität jenseits von Gesetz und Schuld und gerechter Strafe und vielleicht auch meiner vermeintlichen Rechtschaffenheit. Eine zarte Verbindung voller Ernst. [...]
Kaplan Thomas Hanke, aus der Predigt zu Christkönig
Todsünden kuratiert von Thomas Kaestle
St. Heinrich Hannover 15.11.2008 - 11.01.2009 Künstlergespräch: 18.12.2008, 18:30 Uhr, St. Heinrich
Informationen zur Ausstellung todsünden Download PDF Herzlichen Dank an David Pielmann, Georg Sender und an die MitarbeiterInnen der JVA Neustrelitz für ihre Unterstützung der Arbeit. Besonderen Dank an Tanya Ury für die Förderung des Vorhabens. Danke Rudi Fink!